"Liebe im Schatten des Verrats"

Autorin: Patricia Alge

Verlag: Heyne Verlag, April 2002

ISBN: 3-453-19436-5

Preis: 5,95 €

Keine Bewertung!

Diese Rezension widmet sich nur einem Aspekt in Alges Roman: Der Übernahme von Handlungselementen und Formulierungen aus Romanen Amanda Quicks! Wer eine detaillierte Beschreibung des Romaninhalts zu lesen wünscht, kann dies in der Rezension von Karin M. vom 26.3.2002 nachholen. Um die Argumentation der Rezensentin nachvollziehen und -kontrollieren zu können, sind jeweils hinter den wörtlichen Zitaten die Seitenzahlen angegeben, die sich bei Alge natürlich auf deren Roman „Liebe im Schatten des Verrats“ beziehen; bei Amanda Quick auf die Bücher: Gefährliche Küsse, Bechtermünz Verlag 1997; Entfesselt, Bechtermünz Verlag 1997; Rendezvous, Goldmann Verlag 1995.

Patricia Alge scheint eine begeisterte Leserin von Amanda Quick Romanen zu sein. Dagegen ist auch kaum etwas einzuwenden, denn das bin ich auch und mit mir viele andere - sieht man sich die Verkaufszahlen von Quicks Büchern an. Nur hätte sie vielleicht darauf verzichten sollen, ihre Lesefrüchte allzu offensichtlich in ihrem eigenen Buch zu verarbeiten und sich statt dessen eher eigene, originäre Handlungssequenzen einfallen lassen sollen.

Alges Buch beginnt mit einer Szene, die sicher vielen bekannt vorkommt: Eine junge Frau (Lady Alicia Wincliff) besucht des nachts einen berüchtigten Mann, gefährlich und mit schlechtem Ruf, um ihn davon abzuhalten, sich im Morgengrauen mit ihrem Bruder zu duellieren. Der Bruder, jung und reizbar, hat am Tanz der beiden auf einem Ball Anstoß genommen und eine Duellforderung ausgesprochen. Um ihren Bruder zu retten, schlägt sie vor, dass der Earl of Whitehaven (Lord Robert Spencer) sich bei ihm entschuldigen solle, denn sein Ruf sei so ausgeprägt, dass wohl niemand dahinter Feigheit vermuten würde. Spätestens jetzt stellt sich der dejavu-Effekt ein, diese Szene schon einmal irgendwo anders gelesen zu haben, konkret: in Amanda Quicks Buch „Gefährliche Küsse“. In beiden Büchern bildet sie die Eingangsszene, in der die beiden Hauptpersonen vorgestellt werden.

Erster Satz Alge: „Es war bereits zwei Stunden nach Mitternacht, und der eisige Nebel hüllte die Stadt ein wie ein Leichentuch.“ Später: „Dennoch gestand sie sich ein, dass sowohl der eisige Nebel als auch die ungewöhnliche Zeit genau richtig waren, um dem geheimnisumwobenenen‚schwarzen Earl‘ einen Besuch abzustatten.“ (Alge, S. 5)
Die ersten beiden Sätze bei Quick:„Es war die finsterste Stunde der Nacht, fast drei Uhr morgens und der eisige Nebel hing über der Stadt wie ein Geist. Prudence Merriweather musste sich eingestehen, dass dies genau die richtige Zeit und das richtige Wetter war, um dem Mann einen Besuch abzustatten, der als der Gefallene Engel bekannt war.“ (Quick, Gefährliche Küsse,S. 5)

Alge: „Die lässige Kleidung des Earls zeigte deutlich, dass er nicht darauf vorbereitet war, Besuch zu empfangen. Die Halsbinde hatte er abgelegt, und an seinem weißen Rüschenhemd standen mehrere Knöpfe offen, so dass Alicia die krausen schwarzen Haare auf seiner gebräunten Brust erkennen konnte.A uch hatte er die elegante Hose, die er auf dem Ball getragen hatte, gegen eine bequeme schwarze Rehlederhose eingetauscht, unter der sich die harten Muskeln seiner Schenkel abzeichneten.“ (Alge, S. 12)
Quick: „Die bequeme Kleidung zeigte eindeutig, dass er nicht darauf eingestellt gewesen war, Besucher zu empfangen. Seine weiße Krawatte hing ihm locker um den Hals, und sein Rüschenhemd war weit genug geöffnet, daß Prudence die krausen schwarzen Haare auf seiner Brust erkennen konnte. Unter seinen lederfarbenen Reithosen zeichneten sich deutlich die sehnigen Linien seiner Schenkel ab.“ (Quick, Gefährliche Küsse, S. 10)

Beide Heldinnen (Alicia bei P. Alge und Prudence bei A. Quick) versuchen ihre Helden davon zu überzeugen, daß deren Ruf so außerordentlich ist, ihre Gefährlichkeit und ihre Ehre so wohlbekannt, dass eine Entschuldigung gegenüber einem jungen, unerfahrenen Duellgegner keinerlei Nachteile für diesen Ruf mit sich brächte. Die Reaktion der Herren auf diese Argumentation gleicht sich aufs Wort:
Alge: „Roberts Kiefernmuskulatur spannte sich. Dann leuchtete zögernde Bewunderung in seinen Augen auf. „Touché. Ein sauber ausgeführter Treffer, Lady Wincliff.“ (Alge, S. 21)
Quick: „Sebastians Kiefer spannte sich. Dann leuchtete zögernde Bewunderung in seinen Augen auf. „Ein guter Treffer, Miss Merryweather. Und sauber ausgeführt, wenn ich so sagen darf.“ (Quick, Gefährliche Küsse, S. 21)

Dies sind nur einige der „Ähnlichkeiten“ in der Anfangsszene beider Bücher, belassen wir es bei diesen direkten Vergleichen.
Für eine andere Schlüsselszene in „Liebe im Schatten des Verrats“ bedient sich Alge eines zentralen Motivs aus „Entfesselt“, einem anderen Roman Amanda Quicks. Während sich der Ruf des „Gefallenen Engels“ bei Quick in „Gefährliche Küsse“ aus anderen Quellen speist, wird die männliche Hauptperson in „Entfesselt“ von der Gesellschaft geschnitten, weil er sich vor Jahren von seiner schwangeren Verlobten trennte, die daraufhin - so scheint es zumindest bis zum Ende des Buches - Selbstmord beging. Denselben Grund benennt Alge für den berüchtigten Ruf ihres Helden: er trennte sich von seiner schwangeren Verlobten, die daraufhin „ins Wasser ging“.

Das unehrenhafte Verhalten beider Helden wird schließlich auf einem Ball thematisiert, bei dem sich die jeweilige Heldin entschieden zugunsten des Angeschuldigten ausspricht:
Alge: „Man sollte eigentlich meinen, jeder müsste inzwischen begriffen haben, dass es nur einen einzigen Grund geben kann, weshalb der Earl damals die Verlobung mit Lady Adelaide gelöst hat. [...] Das arme Mädchen trug bereits das Kind eines anderen Mannes unter dem Herzen [...]. Also, ich verstehe wirklich nicht, weshalb dies nicht jedem sofort klar war. Es ist die einzig logische Erklärung.“ (Alge, S. 217+218)
Quick: „Man möchte meinen, allen wäre inzwischen klar, daß es nur einen Grund gegeben haben kann, weshalb St. Justin seine Verlobung mit Deirdre Rushton löste. [...] Nun, das arme Mädchen war mit dem Kind eines anderen schwanger [...]. Mein Gott, man möchte meinen, daß dies allen von Anfang an hätte klar sein müssen. Es ist die logische Erklärung.“ (Quick, Entfesselt, S. 175+176)

Angesichts dieser „Ähnlichkeiten“ im Handlungsverlauf - bis in die Formulierungen hinein - fällt es kaum noch ins Gewicht, dass der Kopf der Schmugglerbande in Alges Roman denselben Decknamen trägt wie der Held aus Amanda Quicks Roman„Rendezvous“ während seiner Zeit als Geheimdienstchef zur Zeit des Krieges gegen Napoleon: Nemesis.

Natürlich sind Liebesromane Variationen zum Thema; Genreliteratur, die im Entwickeln neuer Storys durchaus an Grenzen stößt. Die Entführung durch Piraten, Konflikte im schottischen Hochland, der „gute Ruf“ einer jungen Lady, der gerettet werden muss etc., dies alles und mehr sind Themen historischer Liebesromane. Das es dennoch immer noch möglich ist,  „neue“ Geschichten zu entwickeln oder „alte“ Geschichten mit ungewöhnlichen Handlungselementen zu verknüpfen, zeigt die Buchproduktion jedes Jahr. Beispiele hierfür sind etwa Theresa Medeiros „Teuflische Küsse“ oder Mary Baloghs „Von dir kann ich nicht lassen“, von Robin Schones Büchern ganz abgesehen. Es ist also nicht unbedingt notwendig, sich derart massiv bei anderen Autoren - oder in diesem Fall einer anderen Autorin - zu bedienen, zumal Amanda Quick ihre Geschichten immer noch am besten selbst erzählt...

Petra G., 24.06.2002

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