"Im Tal des weißen Tigers"

Autor: D.D. Camberley

Verlag: Moments Verlag, (Klappenbroschur) 2004

ISBN: 3-937670-20-3

Preis: 10,00 Euro

Bewertung: 3.5

Verschollen im vietnamesischen Regenwald

Cara Weinert ist als Reisejournalistin bei einem Münchener Hochglanzmagazin angestellt. Ihr Job, der sie öfters in ferne Länder verschlägt, füllt sie aus. Was ihr Privatleben angeht, so weiß Cara selbst nicht genau, ob sie sich als glücklich bezeichnen kann. Sie lebt mit dem bisher unveröffentlichten Autor Mike Fellinger zusammen. Dass sie ihn quasi „aushält" beschäftigt sie dabei weit weniger als die Frage, warum sie eigentlich mit ihm zusammen ist. Cara ist sehr agil, berufsbedingt neugierig auf Gott und die Welt, und als gestandene Karrierefrau finanziell unabhängig. Dagegen wirkt Mike regelrecht antriebslos und muss von seiner Freundin fast dazu getreten werden, doch wenigstens ein Exposé an einen Verlag zu schicken, auch wenn er selten einmal eine neue Romanidee weiter als 50 Seiten ausarbeitet. Er mag zwar exotisches Essen, das aber doch lieber selbstgekocht in den eigenen vier Wänden. Selbst der Besuch eines asiatischen Restaurants ist für ihn schon ein Abenteuer.

Als Cara für einen Reisebericht ein paar Wochen allein nach Vietnam fliegt, ist dies somit nicht nur die Gelegenheit, ein aufstrebendes Urlaubsziel zu entdecken, sondern auch, um sich über ihre Beziehung klar zu werden. Die Journalistin plant, eine Reportage über eine Reise in einem Luxuszug zu schreiben. Als sie in der Hotelbar einem ehemaligen britischen Kollegen begegnet, lädt dieser sie ein, ihn vorher auf einer Ballonfahrt zu begleiten, welche er zum Dreh eines Werbefilms für eine Teefirma durchführt. Diese Fahrt endet jedoch im Desaster, die vier Heißluftballons geraten in einen Taifun und stürzen über dem Dschungel ab. Cara wird erst nach Tagen von ein paar anderen Überlebenden in den Mangrovenwäldern gefunden.

Für die Abgestürzten beginnt eine Odyssee. Und ständig kommt es zu Streitigkeiten, so dass die Gruppe sich schließlich aufteilt. Die durch eine Malaria geschwächte und zeitweise bewusstlose Cara bleibt zurück bei einem Einheimischen und ihrem niederländischen Kollegen Brongersma, der sich ihr in der Vergangenheit schon öfters unsittlich genähert hat. Statt zurück in die Zivilisation zu finden, werden sie von einer paramilitärischen Truppe unter Führung von Sergeant Lien gefangen genommen und in ein abgelegenes Camp verschleppt. Für den Rest der Welt gelten sie als tot, daheim in Deutschland kann sich Mike damit aber nicht abfinden. Er will auf eigene Faust das Absturzgebiet durchkämmen.

Vietnam ist kein gewöhnlicher Schauplatz für einen spannenden Liebesroman. Der Autor versteht es, einem dieses fremde Land nahe zu bringen. Man ist fasziniert vom Flair Saigons oder der atemberaubenden Schönheit des Regenwaldes, wenn die Protagonistin ihre Eindrücke mit dem Leser teilt. Auch gibt es Einblicke in Geschichte und Politik des gebeutelten Staates. Ebenso ist die Beschreibung der Einheimischen und vor allem der Lebensgewohnheiten der Dorfbewohner glaubhaft und interessant.

Was die Spannung angeht, so kann die zweite Hälfte des Romans nicht mehr ganz mit dem Tempo des Anfangs mithalten, wo besonders der aufkommende Sturm und der Absturz der Ballons eindrucksvoll geschildert werden. Sobald die Gefangenen aber im Guerilla-Camp eintreffen, scheint die Handlung sich an die behäbigere Lebensweise der dortigen Bewohner anzupassen. Die versäumte Geschwindigkeit wird dann am Schluss leicht überhastet aufgeholt. Alles in allem läuft die Geschichte ein bisschen zu glatt. Nicht nur, dass Cara sich erstaunlicherweise - nach lediglich einem Vietnamesisch-Crashkurs im Sprachlabor vor der Abreise - problemlos mit den Einheimischen verständigen kann, mutet seltsam an. Auch Mikes Wandlung vom Pantoffelhelden zum Ein-Mann-Rettungsteam wirkt nicht ganz glaubwürdig. Er bewältigt seine selbstgestellte Aufgabe mit Bravour und ohne wirkliche Komplikationen. Große Teile seiner Suchaktion werden gar nicht geschildert, sondern geschehen im Off. Schlussendlich wirkt der Böse auch eher als Schaf im Wolfspelz.

Dem Anspruch eines Vertreters des Romantic Suspense Genres wird der Roman ebenfalls nicht gänzlich gerecht. Es ist nicht klar, wie zwischen diesen so unterschiedlichen Protagonisten ursprünglich überhaupt eine Beziehung entstehen konnte. Sie scheinen anfangs mehr aus Gewohnheit zusammen zu sein. Das große Sehnen nach dem Anderen wirkt zumindest bei Cara doch leicht überzogen. Die einzige explizite Liebesszene im Roman wirkt wie nachträglich eingeschoben. Der Funke, der zwischen dem Paar bestehen soll, springt nicht wirklich auf den Leser über. Wer allerdings das Hauptaugenmerk nicht auf die Liebesgeschichte legt, wird gut unterhalten.

Kritik geschrieben von TINA, 12.03.05

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