"Blow Fly"

Originalausgabe:

Autorin: Patricia Cornwell

Verlag:  Little, Brown HC, 2003

Genre: Mystery & Suspense

Bewertung: 3.5

Scarpetta und die Schatten der Vergangenheit 

Nachdem Cornwell den guten Benton in Point of Origin gemeuchelt hatte, ging es mit Dr. Kay Scarpetta ständig bergab, was leider auch auf die folgenden Bände zutraf. Deshalb war Blow Fly für mich eher ein Nostalgie-Kauf um meine Seriensucht zu stillen. Was hätte ich verpasst, wenn ich mir den 12. Band (die zwei Scarpetta-Kochbücher nicht mitgerechnet) hätte entgehen lassen!

 

Der Einstieg fiel mir schwer, denn von Beginn an wurde sehr viel Bezug genommen auf die vorangegangenen Bände. The Last Precinct hatte ich gelesen, als es erschienen ist, was schon wieder einige Jahre her ist. So konnte ich zu Anfang einigeFiguren nicht mehr einordnen, allen voran Rocco, Jaime und Bev. Sie hatten wohl keinen allzu großen Eindruck bei mir hinterlassen. Wenn ich als Fan da schon meine Schwierigkeiten hatte, werden Scarpetta-Neulinge umso verwirrter sein. Für Einsteiger ist der Roman deshalb nicht zu empfehlen.

 

Kay hat nach traumatischen Erlebnissen und politischen Intrigen ihren Posten als Chief Medical Examiner von Virginia verloren und verdingt sich jetzt als private Beraterin. Der Jobwechsel ging mit einem Umzug nach Florida einher. Sie ist noch immer nicht über Bentons Tod hinweg, und von ihrer einst so starken Persönlichkeit ist nicht mehr viel übrig. Da holt sie die Vergangenheit in Gestalt des Chandonne-Syndikats wieder ein.

 

Jean-Paul aka Jay Talley vertreibt sich die Zeit als Serienmörder in den Sümpfen um Baton Rouge. Die Behörden in Louisiana sind ratlos, denn obwohl mehrere Frauen verschwunden sind, gibt es keinerlei Spuren, es werden keine Leichen gefunden.

Jean-Baptiste, der Wolfman, sitzt in Texas in der Todeszelle und soll bald hingerichtet werden. Da nimmt er durch einen Brief Kontakt mit Kay auf. Er verspricht ihr Informationen über das Syndikat seines Vaters, seinen Zwillingsbruder und einen Jahre zurückliegenden ungeklärten Todesfall in Baton Rouge. Als Gegenleistung soll Dr. Scarpetta ihm die Todesspritze verabreichen.

 

Kay, die vom örtlichen Coroner um Mithilfe gebeten wurde, macht sich nach einem Besuch im Todestrakt auf den Weg nach Louisiana. Auch Marino und Lucy zieht es nach Baton Rouge, ebenfalls angelockt durch mysteriöse Briefe des Wolfman. Während ihr Erscheinen dort geplant war, durchkreuzt Kays Anwesenheit einen lang gehegten Plan einer ganz bestimmten Person.

 

Gleich zu Beginn des Buches erwartet den Leser eine große Überraschung - Benton. Der ehemalige FBI-Profiler, der angeblich bei einem von Carrie Grethen verursachten Brand ums Leben gekommen war, hatte seinen Tod mit Lucys und Marinos Hilfe nur vorgetäuscht. Seitdem ist er im Zeugenschutzprogramm. Aus der Verdeckung heraus hatte er die Entwicklungen der letzten Jahre beobachtet und greift jetzt wieder aktiv in das Geschehen ein.

 

Wenn die ersten vierzig Seiten etwas zäh waren, gewinnt die Geschichte jetzt mächtig an Tempo. Cornwell unterstreicht dies geschickt durch viele sehr kurze Kapitel, einige enthalten nur kurze Momentaufnahmen. Alles läuft auf einen Showdown hinaus. Das Ende war mir dann aber doch zu abrupt.

 

Blow Fly ist eine Art „Zwischenbuch", sowohl was die Qualität als auch die Geschichte anbelangt. Die Fäden, die seit Point of Origin geknüpft wurden, werden hier entwirrt. Der eigentliche Fall, die Aufklärung eines mysteriösen Todesfalls, ist nur eine Nebenhandlung. Im Vordergrund stehen die Auferstehung eines früheren Protagonisten, die Frage, ob für Kay doch noch ein Happy End in Sicht ist und die Chandonne-Zwillinge.

 

Cornwell hat noch nicht wieder zur alten Stärke zurückgefunden, aber die Ansätze sind viel versprechend. Dies lässt hoffen, dass der nächste Band wieder eine höhere Bewertung erhält. Denn wer zweifelt schon daran, dass wir mehr von Kay hören werden ...


TINA, 28.10.2003

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